Engagiertes Team: Prof. Dr. Friedhelm Mündemann, Prof. Dr. Agathe Merceron, Prof. Dr. Rolf Socher (v.l.n.r.) und Prof. Dr. Ulrich Klages (nicht abgebildet) prüfen akademische Kompetenzen von Geflüchteten (Foto: Linda Wulff)

Linda Wulff, Dr. Markus Deimann – FH Lübeck

Viele Geflüchtete erfüllen die formalen Zulassungsbedingungen für ein Studium an einer deutschen Hochschule zunächst nicht. Durch das von Kiron angebotene offene Studienformat können sie dennoch zahlreiche Online-Module belegen, deren Lerninhalte mit denen an Hochschulen übereinstimmen. Das Studienmodell von Kiron sieht vor, dass die Studierenden in den ersten beiden Studienjahren an verschiedenen auf Massive Open Online Courses (MOOCs) basierenden Online-Modulen teilnehmen und ab dem sechsten Semester an Partnerhochschulen wechseln können, um ihr Studium zu beenden. Um eine größtmögliche Passung herzustellen, hat Kiron Studiengänge von Partnerhochschulen mit verfügbaren MOOCs unterschiedlicher in- und ausländischer Anbieter verglichen und mögliche anrechenbare Module identifiziert.

So einfach die Grundidee ist, so herausfordernd ist die Umsetzung: Viele Hochschulen tun sich – selbst wenn Lernergebnisse übereinstimmen – schwer mit einer pauschalen Anrechnung der auf diesem Wege erbrachten Leistungen, wenn kein Hochschulzertifikat mit grundsätzlich anerkennbaren ECTS vorliegt. Um den Weg zur Prüfung des Kompetenzprofils nach MOOC-Teilnahme zu ebnen, versammelte sich unter Leitung der Fachhochschule Lübeck am 3. und 4. März 2017 ein engagiertes Team in Berlin, um die erworbenen Kompetenzen der MOOC-Teilnehmenden festzustellen und um Anrechnungsmöglichkeiten zu prüfen: Professorin Agathe Merceron der Beuth Hochschule, Professor Ulrich Klages von der Ostfalia Hochschule und die Professoren Rolf Socher und Friedhelm Mündemann der Technischen Hochschule Brandenburg. Alle Hochschulen sind Partner des digitalen Hochschulkonsortiums “Virtuelle Fachhochschule” (VFH), zu dem auch die FH Lübeck gehört.

Geprüft wurden insgesamt 14 Personen aus dem Iran, Syrien, Afghanistan, Gambia und Ägypten in ausgewählten Fächern der Medieninformatik. Jede Prüfung beinhaltete einen schriftlichen und mündlichen Teil, um auszuschließen, dass sprachliche Barrieren oder andere Verständnisschwierigkeiten einen Einfluss auf das erfolgreiche Bestehen haben. Von den insgesamt 19 abgenommen Prüfungen wurden 13 erfolgreich bestanden. Das professorale Team zeigte sich beeindruckt von dem Engagement und Potenzial der Studierenden. “Solche Menschen brauchen wir in Deutschland”, sagte Professorin Merceron.

Auch wenn nicht alle Studierenden die Prüfungen bestanden haben, war die Veranstaltung für alle Beteiligten ein voller Erfolg, meint Milena Dietrich von Kiron: “Schon alleine das Erleben einer deutschen Prüfungssituation hat den Teilnehmenden sehr geholfen. Sie fühlen sich jetzt für ihr weiteres Studium in Deutschland viel besser gewappnet.” Aus den Ergebnissen der Prüfungen konnten bereits erste Schlüsse für das weitere Vorgehen in Bezug auf Anrechnungsoptionen gezogen werden; ein zweiter Prüfungsdurchlauf im Spätsommer 2017 soll weitere Erkenntnisse bringen. “Die guten Ergebnisse, die die Geflüchteten in den Prüfungen erzielt haben, ermutigen uns, uns weiter für die einfachere Anrechnung von MOOCs einzusetzen”, kommentiert Professor Rolf Granow, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Lerndienstleistungen und E-Learning-Beauftragter der FH Lübeck, das Resultat des ersten Durchlaufs.


METHODISCHES VORGEHEN DER KOMPETENZFESTSTELLUNG

Grundlage für die Anrechnung von außerhochschulisch erworbenen Kompetenzen ist in diesem Fall § 51 des Hochschulgesetzes des Landes Schleswig-Holstein. Darin ist festgelegt, dass eine Anrechnung auf ein Hochschulstudium von anderweitig, also z.B. in einem MOOC, erworbene Kompetenzen erfolgen kann, wenn sie überprüft und als gleichwertig eingestuft wurden.  In Einzelfällen kann eine Einstufungsprüfung diese Anrechnung ergänzen.

Auf Basis der schon bestehenden Definition der Lernergebnisse im Kiron-Curriculum wurden aus dem Studiengang Bachelor Medieninformatik vier Module identifiziert, die den Gegenstand der ersten Kompetenzüberprüfung im März 2017 bildeten: Einführung in die Informatik, Programmieren 1, Computerarchitektur & Betriebssysteme sowie Lineare Algebra. Hierzu wurden inhaltliche Analysen der Module vorgenommen und Gespräche mit am Kompetenzfeststellungsverfahren beteiligten Professor/-innen und dem zuständigen Prüfungsausschussvorsitzendem der FH Lübeck geführt. Ebenso wurde das von Kiron gelieferte Matching zwischen MOOCs und Studiengang dem Fachausschuss Medieninformatik der FH Lübeck vorgestellt.

Aus den Interviews konnte die Erkenntnis gewonnen werden, dass ein zweistufiges Vorgehen in der ersten Durchführung eines Kompetenzfeststellungsverfahrens sinnvoll sei.

Für den ersten Durchlauf sprachen sich die Beteiligten für eine Überprüfung der Kompetenzen in Präsenz aus, um zunächst einmal grundsätzlich die erworbenen Kompetenzen ohne etwaige technische Hindernisse abzuprüfen. Käme in diesem ersten Durchlauf bereits der Aspekt der Überprüfung auf Distanz hinzu, ließe sich schwer abschätzen, ob bei festgestellten fehlenden Kompetenzen Aspekte wie eine mangelnde technische Infrastruktur oder sprachliche Hindernisse eine Rolle gespielt hätten. Aufgrund der breiten geografischen Verteilung der Kiron-Studierenden, der höheren Skalierbarkeit, den mit der Anfahrt zum Prüfungsort verbundenen Reisekosten sowie den Reisebeschränkungen, denen einige Geflüchtete durch die zuständigen Ausländerbehörden unterliegen, bieten sich digitale und ortsunabhängige Verfahren zwar an, müssen allerdings hinsichtlich ihrer technischen, rechtlichen und praktischen Umsetzbarkeit noch weiterentwickelt und erprobt werden.


ERKENNTNISSE AUS DEM ERSTEN DURCHLAUF DER KOMPETENZFESTSTELLUNG

Nach erfolgreichem Abschluss des Kompetenzfeststellungsverfahrens erhielten die Teilnehmenden Hochschulzertifikate der FH Lübeck mit auf ein Studium anrechenbaren ECTS. Hinsichtlich der Durchfallquote konnten die Professor/-innen, die das Kompetenzfeststellungsverfahren durchführten, keine Abweichung von Durchfallquoten innerhalb von regulären Hochschulkursen feststellen. In dem Modul, in dem eine vergleichsweise höhere Durchfallquote bemerkt wurde, wurde empfohlen eine erneute Prüfung des Matchings der Lernergebnisse vorzunehmen und fehlende Inhalte ggf. hinzuzufügen oder durch weitere Angebote wie Tutorien zu ergänzen. Auch die frühzeitige und verstärkte Einbindung von Self-Assessments in MOOCs wurde von den Prüfenden empfohlen, um zum einen eine Heranführung an im deutschen Hochschulsystem vorhandene Prüfungsformen zu erreichen und zum anderen Studierenden eine stetige Überprüfung des eigenen Lernfortschritts zu ermöglichen.

Das Beibehalten der mündlichen Prüfung als Teil des Kompetenzfeststellungsverfahrens wurde von den durchführenden Professor/-innen empfohlen, um mögliche sprachliche Verständnisschwierigkeiten auszuschließen.

Die Prüfungen wurden im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekts “INTEGRAL² – Integration und Teilhabe von Geflüchteten im Rahmen von digitalen Lehr- und Lernszenarien” durchgeführt. Das Projekt wird gemeinsam von den Projektpartnern Kiron, FH Lübeck und RWTH Aachen durchgeführt und beinhaltet Maßnahmen zur Kompetenzfeststellung, Anrechnung und Unterstützung in der onlinebasierten Studienvorbereitungs- und Eingangsphase von Geflüchteten. Im weiteren Verlauf des Projekts möchte die FH Lübeck im Bereich Anrechnung und Prüfung überprüfen, inwiefern das Kompetenzfeststellungsverfahren um eine digitale Komponente erweitert werden könnte.

Ansprechpartnerin
Linda Wulff
Fachhochschule Lübeck
Telefon +49 451 160818 26
E-Mail linda.wulff@fh-luebeck.de